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Pflegemanagement
19.5.2020

Führung und die Kunst ein guter Chef zu sein

Rechtsanwalt | Spezialist für Heim- & Pflegerecht
Patrick Weiss

„Früher wollte ich Feldherr werden, heute bin ich Schäfer“.
Das war mein Schlusswort bei einer Führungskräfte Tagung, zuvor hatte ich meinen spannenden Weg in dieser Entwicklung beschrieben.

Ich habe im Laufe meines Lebens verschiedene Phasen durchlaufen, an mir selbst gearbeitet, Perspektivwechsel vorgenommen und mich zu diesen Einsichten entwickelt.
Eigentlich gelernter Rechtsanwalt bin ich relativ früh im Gesundheitswesen gelandet. Nach der ersten Station bei einem privaten großen Altenheim- und Klinikbetreiber hatte ich das Glück ein Unternehmen neu gründen und aufbauen zu können. Das unter dem Dach eines traditionsreichen, mittelständischen Familienunternehmens, in dem Menschen tatsächlich eine Rolle spielen.

Anfangs belächelt entwickelte ich das Unternehmen sehr schnell, und schon nach 10 Jahren kam ich in eine Phase, in der ich nicht mehr genau wusste wie es weiter gehen soll. Ich habe alles mit bester Absicht und mit reinem Gewissen entwickelt und bearbeitet und hatte das Gefühl vor immer den gleichen Problemen zu stehen. Nun gibt es einmal keine Betriebsanleitung für den Aufbau eines Unternehmens. Angefangen mit einem Blatt Papier, einem Telefon und vielen Ideen macht man natürlich neben viel Richtigem auch Fehler. Schnelles Wachsen schafft Brüche, es kommen und gehen Menschen, es passieren schicksalhafte Dinge. Vor einem Rätsel stehend, auch in Teilen müde und letztlich bedrückt von der Verantwortung für das ja vollständig in eigener Verantwortung geschaffene, nahm ich mir eine Auszeit.

Bis dorthin hatte ich immer das Unternehmen im Ganzen im Blick, hielt mich schon immer für einen selbst reflektierten anständigen Menschen, mit Grundsätzen und Werten. Und ich dachte immer, dass staatliche Regelwerke durchdacht sind und man sie nicht hinterfragen muss, jedenfalls nicht grundsätzlich. Also suchte ich Antworten. Ich trieb mich in allen Foren und Portalen rum, in dem Pflegekräfte sich austauschen. Wir sind nämlich Anbieter von stationären und ambulanten Pflegeleistungen, einem sehr polarisierenden Thema. Unsere Kunden sind sehr zufrieden, weil wir Ihnen letztlich Probleme lösen, den Bewohnern wie den Angehörigen. Das alles begleitet mit einer hohen psychischen Belastung der Bewohner und ihrer Angehörigen und letztlich daraus auch unserer Mitarbeiter. In den Foren erwartete ich Kritik an Trägern und Arbeitgebern, die gab es in Teilen auch. Und zwar dort wo sich Unternehmer wirklich noch benehmen wie Ganoven. Das war bei uns nicht der Fall, wir hatten schon damals ein faires Regelwerk, zwar nicht tarifgebunden (das ist ein eigenes Thema) aber immer daran orientiert ordentliche Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Die meisten Menschen in den Foren beklagten sich über mangelndes Personal, zu wenig Zeit für Patienten und Bewohner, zu wenig planbare Freizeit und eine daraus resultierende hohe seelische Belastung. Mein Perspektivwechsel begann. Ich schaute mir sämtliche Materialien zur so gefeierten Pflegeversicherung an. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die Politik hat ein Regelwerk geschaffen, das vom Start aus eine Unterbesetzung in den Einrichtungen festschreibt. Es gibt bis heute keine wissenschaftlich fundierten Personalschlüssel sondern nur pauschale Bezugsgrößen, die einer realen Belastung nicht standhalten. Und dann noch -der Föderalismus sei gefeiert- 16 unterschiedliche Landesregelungen. Folge: wenn mit den geltenden Schlüsseln in Baden Württemberg in einer Einrichtung mit 80 Plätzen xy Kräfte notwendig waren, wären es in Mecklenburg – Vorpommern 10 Vollzeitstellen weniger. Begründung: finanzielle Möglichkeiten der öffentlichen Hand. Für mich ein klassisches Beispiel von Politik: Man schafft ein System, das nicht funktionieren kann, zu wenig Personal bereitstellt, und wenn das nicht funktioniert antwortet man mit immer mehr Kontrollen und Regulierung.

Durch diesen „Aha Effekt“ habe ich meinen Kampfgeist wieder gefunden. Die Mitarbeiter waren nun nicht mehr länger ein Rätsel für mich, ich habe sie besser verstanden. In vielen Vorträgen und durch Mitarbeit in Verbänden habe ich mit daran gearbeitet, diese Zustände zu ändern. Mittlerweile ist wohl auch in der Politik angekommen, was geändert werden muss. Letztlich hat sich die Unternehmensstrategie geändert.

„Lag früher der Focus auf Wirtschaftlichkeit und zufriedenen Kunden, heißt der Grundsatz heute: Jeder zufriedene Mitarbeiter hat zufriedene Kunden zur Folge. Denn jeder Mensch möchte das was er kann, gelernt hat und tut, so gut wie möglich machen.“

Schaut man sich nach diesem Prinzip die Abläufe in seinem Unternehmen an bekommt man aufschlussreiche Eindrücke. Das Risiko ist immer sehr groß Abläufe zu regeln, Standards zu definieren und Verfahrensanweisungen zu erstellen. Durch Fehler und Kritik wird man schnell verleitet vieles misstrauisch zu betrachten. Führungskräfte und Stabsmitarbeiter fühlen sich zuweilen belastet und weichen dem Druck aus, indem sie ihn weitergeben. Unsere Antwort auf diese Bestandsaufnahme heißt „Werteorientierte Organisationsentwicklung“. Wir haben begonnen mit einem Workshop zur Ermittlung der Haltung unserer Führungskräfte zu Unternehmenskultur und Werten. Und wir entwickeln ein Konzept um das in allen Einrichtungen zu verankern.

Eine weitere bedauerliche Erkenntnis beim genaueren Hinsehen ist nämlich, dass vieles von dem was man sich so ausdenkt und tut, gar nicht bei der Basis bekannt ist oder gesehen wird. Das passiert u.a. dadurch dass Hierarchien nicht durchlässig sind, persönliche Eigenarten und Unzulänglichkeiten dagegen wirken. Kommunikation auf Augenhöhe, Blick auf die eigentliche Tätigkeit und die Nöte, Partizipation, Fehlerkultur und angstfreie offene Atmosphäre sind nicht einfach zu bekommen, aber wir sind auf dem Weg. Seitdem wir unsere Werte und weitere Details einer Willkommens- und Vertrauenskultur offen kommuniziert und unser Leitbild ausgehängt haben, sind zahllose kleinere und größere Konflikte zu Tage getreten. Die Lösung ist oftmals schwierig und aufwändig, manchmal auch unmöglich und frustrierend. Und es ist anstrengend. Offen zu sein, Menschen dazu zu bringen sich auch in die Situation des anderen zu versetzen, selbstkritisch sein zu können und großzügig zu reagieren ist ein intensives Unterfangen.

Deswegen betrachte ich mich heute eher als Schäfer denn als Lenker oder General, die klassischen Betrachtungen von Unternehmern. Es gibt noch innovativere Entwicklungen wie den „Bienenhirten“. Diese Idee kommt aus Holland, ich halte sie nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragbar, wegen der anderen Mentalität. Zurzeit ist das Rothgang Gutachten in aller Munde und die ersten Ergebnisse zu einer schlüssigen Personalbemessung sind da. Ich bin gespannt was davon umgesetzt wird. Ich hoffe auf Einsicht bei der Politik, dass Pflege erst dann allen wertvoll erscheinen kann, wenn das Regelwerk das auch ausdrückt, heißt durchdachtes einfach nachvollziehbares System und deutlich bessere Personalschlüssel!

Ihr Anwalt & Spezialist für Heim- und Pflegerecht

Patrick Weiss

www.fachkanzlei-weiss.de

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